Gestern Nachmittag um halb fünf bekam ich eine SMS, die mir mitteilte, dass Kajsa letzten Samstag gestorben ist. Sie war gerade mal 20 Jahre alt. Im ersten Moment konnte ich es gar nicht glauben, dachte sie haben den Namen verwechselt oder sowas, denn Kajsa war immer so lebendig, so voller Freude. Ich hab sofort erstmal Hannah angerufen, die die Nachricht auch schon bekommen hatte. Wir konnten es beide nicht verstehen. Hannah hatte sich schon eine halbe Stunde lang ausgeheult und musste nun die Kinder abholen, ich stand enorm unter Schock - und musste mich zugleich um Felicity kümmern (Lydia war zum Glück bei einer Freundin), musste mir jedes Mal ein Lächeln aufzwingen, wenn ich mit ihr redete.
Für den Abend war um 21 Uhr ein Gedächtnisgottesdienst in einer schwedischen Kirche in Marylebone (central London) geplant, wo auch ihre Familie sein würde.
Ich hab Fiz um 18 Uhr zu Brownies (ihr Pfadfindertreffen) gebracht und hab mich dann direkt auf den Weg zur Bakerstreet gemacht, wo ich mich mit Hannah und Nick getroffen habe. Wir haben was gegessen, aber die Stimmung war gedrückt. Ich glaube wir konnten die Situation noch nicht ganz fassen, schwankten zwischen minutenlangem Schweigen, jeder betrübt vor sich hinstarrend und verschämten Lachen, um alles ein wenig zu überspielen und aufzulockern. Es war schwer.
Um 20.15 haben wir uns mit Trine, Antonia und Ricky, drei anderen Mädchen aus meinem ehemaligen Sprachkurs, getroffen und haben uns auf den Weg zu der schwedischen Kirche gemacht. Keiner von uns konnte es wirklich begreifen, dass wir gerade auf dem Weg zu einer Ceremony für ein Mädchen waren, das genau unser Alter war. Die Kirche lag eingebettet zwischen zwei typisch englischen Häusern in einer typisch englischen Seitenstraße in der Innenstadt. Vor der Tür begrüßten uns Kajsas Eltern, die sofort nach London geflogen waren, nach dem die Nachricht sie erreicht hatte. Ihre Mutter hatte Kajsas Kamera um den Hals und erzählte uns, dass sie alles heute Abend fotografieren wolle, damit sie es nie vergessen würde. Sie umarmten uns beide (doch es fühlte sich mehr an, als würde sie sich trostsuchend an uns festklammern) und sagten mit einem traurigen Lächeln, dass sie heute schon durch alle Stadien gegangen seien: Weinen, Stille, Schreien, Fragen warum.
Die Kirche selber war wunderschön. Man ging ein paar Stufen hoch und trat dann in einen hohen, wunderschön verzierten, alten Raum, in dem Kerzen brannten und leise ABBA-Musik lief. Vor dem Altar war ein kleiner Tisch aufgestellt worden, auf dem ein Foto von Kajsa bei ihrem Abiball stand, und daneben warf ein Beamer Bilder von Kajsa auf eine weiße Leinwand. Der Pfarrer begrüßte uns und wir setzen uns. Wir waren eine halbe Stunde zu früh und hatten so genug Zeit uns die Bilder anzugucken. Es tat in der Seele weh. Nick stellte nach einigen Minuten mit einem traurigen Blick in den Augen fest: "How happy she looks in every single picture." Zum Glück hatte Hannah genug Taschentücher mitgebracht, die Zeremonie hatte noch gar nicht angefangen, da waren wir schon leise am weinen. Jedoch nicht durchgängig. Ich zum Beispiel, schwankte zwischen Phasen des Weinens, wenn mir die Tatsache, dass ich es einfach nicht fassen kann, das sie tot ist, dass ich sie mir nicht mal tot vorstellen kann, allzu bewusst wurde und Phasen des still dasitzens mit trockenen Augen und starrem Blick.
Die Zeremonie selber war sehr schön, sehr locker gehalten, sehr in Kajsas Style. Sie hätte es gemocht. Der schwedische Priester hat ein paar sehr schöne und berührende Worte gesagt und auch Kajsas Freund hatte ein paar Worte vorbereitet. Zwei Sätze in seiner Rede haben mich besonders berührt. Zu ersteinmal, als er sagte, dass er es nicht fassen könne, das sie so plötzlich gestorben ist. Am Morgen sei noch alles in Ordnung gewesen - und am Abend war sie tot. Zum zweiten das Motto, nach dem Kajsa lebte: Learn as if you were to live forever, live as if you were to die tomorrow. Noch letzte Woche, so sagte er, hatte Kajsa ihm erzählt, dass sie absolut Glücklich ist und sich auf ihre Studienzeit freut.
Hannah und ich haben eine Packung Taschentücher nach der nächsten verbraucht.
Wir haben alle eine Kerze für Kajsa angezündet. Nach dem Offiziellen konnte man etwas über Kajsa in ein Buch für die Familie schreiben (was ich gemacht habe) und es gab Cider und schwedische Chips. Ich hab ein wenig den Gesprächen der Mutter mit anderen Leuten gelauscht. So habe ich erfahren, wie sie reagiert hat, als ihr die Nachricht überbracht wurde, dass ihre Tochter tot ist. Sie sagte, dass sie ein Kissen genommen und sich dahinter versteckt habe, noch während es ihr mitgeteilt wurde. "I know it was childish", sagte sie, "but my first reaction was ignoring it - if I cant hear it, it wont be true. My daughter cant be dead." Es war schrecklich diese Gespräche mit anzuhören. Kajsas Mutter ging sehr gut mit der Situation um, hatte ein tapferes Lächeln auf den Lippen, fragte jeden nach den Erinnerungen an ihre Tochter, lachte über die lustigen Geschichten und sang mit den Liedern mit (vor allem das von ABBA: Schoolbag in hand, she leaves home in the early morning.
Waving goodbye with an absent-minded smile ...Slipping through my fingers all the time
I try to capture every minute the feeling in it ...sooo traurig :( ). Der Vater hatte für jeden ein Lächeln bereit und dankte jedem fürs Kommen, es tat ihm sichtlich gut zu sehen, dass Kajsa so viele Freunde in London gefunden hatte. Der Bruder hat nicht viel gesagt, hat die meiste Zeit nur vor sich hingestart. Ich glaube, er hatte den Schock noch immer nicht so richtig verarbeitet.
Der Moment, der mich am meisten berührte/schockte/zum weinen brachte war kurz bevor wir gehen wollten. Ein Freund von Kajsa hatte ein paar Wochen zuvor ein kleines Video von Kajsa und ihrem Freund in der Tube aufgenommen, in dem sie sich einen Song ausdachten und viel lachten. Wir mussten alle nach vorne zum Laptop gehen, da wir sonst nicht hätten hören können. Und so saßen wir dort alle eng beieinander und schauten Kajsa reden, lachen und singen - und am Ende den Mittelfinger in die Kamera strecken, was für ein trauriges Gelächter sorgte. Und in der Stille danach passierte es: Kajsas Mutter brach zusammen unter ihrer Trauer. Sie saß auf dem Boden und stieß heißerne Rufe aus, erst auf schwedisch, zwischendurch auf englisch, dass sie ihre Tochter zurück möchte. Das Kajsa nicht tot sein kann, dass sie sie hier bei sich haben möchte. Ihr Wehklagen klang gespenstig durch den ansonsten stillen Raum, niemand wusste, was er tun oder sagen sollte, man starrte nur vor sich hin (ich hatte angefangen still zu weinen und mir kommen selbst jetzt, wo ich das hier tippe und mich an den Moment erinnern muss, die Tränen in die Augen.) Es war so ein unrealer Moment, auf den man so gar nicht vorbereitet war. Der Schmerz der Mutter traf einen mitten ins Herz, es war dieser eine Moment wo ihre perfekte Maske zerbrach, die sie sich wahrscheinlich mühevoll aufgebaut hatte um diese schweren Tage zu überstehen, und ihre gesamte Trauer kam zum Vorschein. Schließlch nahm der Vater sie in den Arm und half ihr auf. Sie beruhigte sich so schnell wieder, wie es begonnen hatte und setzte sich auf die Kirchenbank neben ihren Sohn um das Video noch ein zweites Mal anzuschauen und lachte, als Kajsa lachte."Ah, her laughter...", hab ich sie mit einem traurigen Lächeln murmeln hören.
Es war eine wirklich bewegende Zeremonie, doch zu dem Zeitpunkt wusste wir noch nicht, woran oder wie Kajsa eigentlich gestorben war. Das war ein Punkt, der das alles noch umso schlimmer und unverständlicher machte. Gestern ging das Gerücht um, es wäre eine Grippe gewesen, doch niemand wusste es wirklich - und die Eltern wollten wir nun auch nicht so direkt fragen. Mein erster Gedanke, als ich hörte, dass sie tot war, war, dass sie einen Fahrradunfall oder so etwas ähnliches hatte. Das wäre eine Todesursache, die in London typisch wäre.
Heute hat ihre Tante auf Kajsas facebook Seite gepostet, dass Kajsa an einer Lungenentzündung gestorben ist. Unglaublich. Dass heutzutage noch Menschen an so etwas sterben müssen! Angeblich hatte sie ihre Erkrankung ernst genommen und war am Morgen ins Krankenhaus gegangen, da es ihr Nachmittags wieder besser ging, hatten die Ärzte sie nach Hause geschickt. Am Abend hat ihr roommate Kajsa tot im Bett aufgefunden. Schrecklich. Ungerecht.
Ich werde Kajsa nie vergessen, ihre Heiterkeit und ihre Liebe zum Leben. Sie wird in den nächsten Tagen rüber nach Schweden geflogen und dort beerdigt. Ich hoffe ihre Familie wird die schwere Zeit überstehen.
In Erinnerung an Kajsa Karlsson. Möge sie in Frieden Ruhen.